Päpstlicher als der Papst

Wo bin ich denn da hineingeraten? Ich habe, freundlich und hilfsbereit wie ich nun einmal bin, meine personelle Unterstützung dem St.Micheal’s Choir zugesagt, denen noch ein paar Bässe zur Aufführung von Mozarts „Spatzenmesse“ fehlten. Es gab eine Probe am Dienstag in der Kirche, ich erfuhr dann dort dass der Gesang Teil eines normalen Gottesdienstes sein würde. Soweit fein, das haben wir ja schon öfter gemacht, in Gottesdiensten zu singen. Wer mich kennt, weiss dass ich die Zeit zwischen den Stücken gerne mit einem guten Buch überbrückt habe und dem Ablauf des Gottesdienstes nicht sehr aufmerksam gefolgt habe (gefolgt bin??). In Freiberg war ja auch immer alles protestantisch oder im ärgsten Falle ökumenisch.

Nun bin ich ja in meiner frühen Kindheit hauptsächlich von Einflüssen der römisch-katholischen Kirche indoktriniert worden, ich kenne mich also aus mit den Ritualen der Lithurgie und weiss (in etwa) wann ich aufstehen muss und wann ich sitzen darf. Ich könnte auch noch die ganzen Antworten der Gemeinde mitsprechen, sowie das Credo und das Vater Unser. Mach ich aber nicht, fällt auch nicht auf.

Was ich jetzt NICHT wusste: Der Chor in St.Micheal’s steht nicht einfach an der Seite und singt auf Zuruf. Vielmehr tragen alle ein Messdienergewand und man sitzt in zwei Reihen zu beiden Seiten des Altars. Ich hatte auch ein Gewand in das ich leidlich hineinpasste. Ich merkte, zu spät, dass es kein Zurück mehr gab als wir schon alle zum Einmarsch aufgestellt waren und der Diakon (oder was auch immer) nochmal schnell den Ablauf zusammengefasst hat. Es ging etwa so: Wir kommen rein als Prozession, in Zweierreihen, dabei wird gesungen, wir laufen einmal das Kirchenschiff runter und wieder rauf. Dabei läuft der Pastor und seine engsten Vasallen vorne weg und wedelt wild mit einem Weihrauchtopf *würg*. Dann gehen wir zum Altar und knien nieder, synchron mit unserem Nebenmann. Oh je. Während der Messe musste man sich auch immer wieder an den richtigen Stellen verbeugen oder hinknien. Und dann dieser ganze Weihrauch! Alle hatten mehr mit dem Abruf der richtigen Antworten und Bewegungsabläufe zu tun, als dass sie der Handlung vor dem Altar folgen konnten.

Von mir aus kann ja jeder Glauben was er will, aber er soll nicht versuchen mich davon zu überzeugen. Die Chorleute wollten unbedingt, dass ich ab jetzt regelmässig komme. Auch zu den Gottesdiensten. Es gehe ja um „das Teilen von Liebe untereinander“. Kaum ein Satz, der mich schneller wegrennen lässt. Ich habe versucht möglichst diplomatisch meine Ressentiments gegen alles Überreligiöse zu vermitteln, mit geringem Erfolg (was die Diplomatie betrifft). Interessanterweise hatte ich mit dem Pastor eine sehr angeregte Unterhaltung im Anschluss an die Messe über Sinn und Unsinn von lithurgischen Ritualen und der notwendigen Reformation der Kirche im Kontext rückläufiger „Teilnehmerzahlen“. Man kann auch offen über Glauben diskutieren ohne das Gegenüber von der Richtigkeit der eigenen Anschauung überzeugen zu wollen.

Eines ist gewiss: In diesem Chor werde ich nicht nochmal den Ersatzspieler geben. Obwohl mir das Laken Gewand sicher super stand…

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