Das Ding aus dem Sumpf

Devon ist ja bekannt für seine beiden Nationalparks „Dartmoor“ und „Exmoor“. Ersteren habe ich gestern besucht, um bei herrlichem Sonnenschein einige Kilometer zu wandern. In Ermangelung eines eigenen fahrbaren Untersatzes bin ich auf den öffentlichen Personennahverkehr, sprich Bus&Bahn, angewiesen, was sich aber angesichts der grossen Flächendeckung und der günstigen Preise nicht unbedingt als Nachteil herausstellt. Um ins Dartmoor zu kommen, fahre ich von Exeter mit dem Stagecoach 359 nach Moretonhampstead und von dort mit dem Country Bus 82 nach Princetown, mitten im Moor. Ein Tagesticket für sämtliche Busse dieser Linien kostet schlappe £6.50 und deckt einen riesigen Einzugsbereich ab.

dartmoorponys

Die berühmten Dartmoor-Ponys


Also stehe ich früh morgens (naja, 8.45 Uhr, weil mir 6.45 Uhr ZU früh war) am Busbahnhof in Exeter in einer Schlange mit mehreren Wanderbeschuhten und Ruckbesackten Menschen an Plattform 2, so wie es der Fahrplan und auch die Anzeigetafel gemahnt. Dort steht auch ein Bus, allerdings ohne Fahrer und ohne Fahrtzielanzeige. Kurz vor der Abfahrtszeit werden die ersten doch etwas nervös und schauen sich hilfesuchend um. Wo mag denn der Bus sein? Wir müssen doch einen Anschluss kriegen. Plötzlich ruft einer der Fahrgäste „Hier drüben!“ und alle machen sich auf den Weg zu Plattform 10, wo die 359 dann auch steht. Auf die Frage, ob er nicht an der 2 abfahren müsste, antwortet der Busfahrer ganz gelassen: „Da stand schon ein anderer Bus. Hier war noch frei.“ – Ah ja! Danke für die Info! Aber et hätt ja nochmol jot jejange. Die Fahrt selber war ein Abenteuer für sich. Insbesondere im ländlichen Raum sind die sowieso schon engen Strassen gesäumt von hohen, blickdichten Hecken, die jede Kurve zu einem Reaktionstest machen. Mit dem grossen Bus war es manchen Stellen erstaunlich knapp, aber der geübte Busfahrer schien mit all dem kein Problem zu haben und wir sind dann auch pünktlich in Moretonhampstead angekommen. Dort mussten wir dann umsteigen und nochmal 10 Minuten den Transmoor Way nehmen. Es zeichnete sich hier bereits ab, dass es ein wunderbarer Tag werden würde. Die Landschaft ist einfach reichlich und atemberaubend!

Princetown ist ein kleiner Ort inmitten von nirgendwo. Ein riesiger Bau dominiert das Bild; es handelt sich hierbei um das berüchtigte Dartmoor Prison, ein Hochsicherheitsgefängnis Ihrer Majestät. Ausserdem fällt ein Fernsehsendemast am Ortsrand ins Auge, den ich anfangs für reichlich hässlich und deplaziert hielt, der mir aber im Verlauf des Tages noch einen wichtigen Dienst leisten sollte. Doch der Reihe nach…

Direkt gegenüber der Bushaltestelle ist das Visitor Centre und auch der Einstieg in den Nationalpark, markiert mit zwei roten Pfeilen. Wanderwegmarkierung dachte ich mir, aber das war eine katastrophale Fehleinschätzung. Auf meiner Wanderkarte (OS OL28; 1:25000) war direkt von Princetown aus ein Bridleway Richtung Süden eingezeichnet, den ich mir im Vorfeld als Wanderroute ausgesucht hatte. Es waren einige Leute unterwegs, angenehmerweise keine Spaziergänger, sondern zum grössten Teil Mehrtageswanderer, mit Zelt und Riesenrucksack und Leute mit Kompass und Karte. Das war mir direkt sympatisch. Erstaunlicherweise habe ich einige Teeniegruppen getroffen die man in Deutschland doch eher nicht ohne die Begleitung eines Erziehungsberechtigten auf Wanderschaft antrifft. Ich ging also den Weg entlang solange dieser klar als solcher erkennbar war.

Nun's Cross Farm

Ein altes Farmhouse bei Nun's Cross

Meine Karte gebot mir an „Nun’s Cross“ links abzubiegen auf einen Pfad, der in der Karte mit der gleichen Codierung wie der bisherige Weg abgebildet war, also eigentlich nicht schwer zu finden sein dürfte. Denkste! Wären nicht andere Wanderer zu sehen gewesen hätte ich den Pfad nicht gefunden. Mit Markierungen haben die es hier aber auch nicht. Irgendwie bin ich dann den anderen hinterher, die leider sehr schnell hinter einer Anhöhe verschwanden. Ich bin dann den am meisten nach Weg aussehenden, ausgelatschten Pfad gelaufen, bin jedoch bereits hier einem Schaf- oder Pferdetrampelpfad gefolgt und fand mich letztlich am Rande eines Moorgebiets wieder, wo es nicht weiterging. Dank Sonnenschein konnte ich mich Richtungsmäßig zumindest orientieren und bin dann nach Westen gelaufen. Leider kann man im Moor nicht immer geradeaus den besten Weg nehmen sondern muss einige Stellen, wo man zu tief einsinkt, umgehen. Nach kurzer Zeit habe ich meine Position auf der Wanderkarte nicht mehr feststellen können, andere Wanderer als Wegmarker waren auch nicht zu sehen, überhaupt sah alles um mich rum ziemlich gleich aus.
Also bin ich um meine Orientierung wiederzugewinnen am toten Schaf links abgebogen und auf den nächstbesten Hügel rauf. Von dort konnte ich dann zumindest oben erwähnten Fernsehturm anpeilen und fand ihn plötzlich gar nicht mehr so deplatziert. Also bin ich möglichst in Richtung des Turms zurück, was auch leidlich funktionierte. So kam ich wenigstens noch am Fox Tor vorbei, einer Ansammlung grosser Felsbrocken auf einem Berggipfel (Tor heisst sowas wie Berg, keine Ahnung in welcher Sprache). Schöne Aussicht, ein toller Platz fürs Mittagessen und endlich ein Punkt, den ich auf der Karte finden konnte.Von hier gehts also nur noch durch dieses Tal im Norden, und ich bin wieder auf dem Wanderweg. HAHAHA! Wenns denn so einfach wäre. Ich bin also runter in besagtes Tal und merkte, wie der Untergrund merklich weicher wurde. Über die ersten Passagen kam ich noch ganz gut, indem ich immer auf die dicken Grasbüschel trat, solche Stellen hatte ich schon öfter überquert. Jedoch zwangen tiefere Wasserlöcher mich mehrfach zum Richtungswechsel, so dass ich am Ende mitten in der Sch… stand. Als dann vor mir plötzlich noch ein Schafkadaver auftauchte wollte ich mein Glück nicht weiter herausfordern und bin so gut es ging wieder zurück auf den Berg geklettert. Ich hatte etwas die Lust am Wandern verloren, zugegeben. Irgendwie hab ich es dann doch noch entlang einer Steinmauer geschafft, wieder auf einen Weg zu gelangen, der mich zu Nun’s Cross führte. Wahrscheinlich war das der Weg, den ich von vorneherein gehen wollte aber nicht finden konnte. War eigentlich deutlich zu erkennen. Zurück nach Princetown nach 5 Stunden in der Sonne war jetzt einfach.
Schafskopf

Ein Wegweiser oder ein Warnhinweis?


Wenigstens zwei Dinge habe ich gelernt: 1) Nie ohne Kompass ins Dartmoor, 2) Wegmarkierungen werden völlig überbewertet.

In Princetown gab es glücklicherweise ein nettes Inn direkt am Ausgang des Parks, so dass ich mir noch ein kühles Guinness auf die Strapazen gönnen konnte. Scheinbar war da auch gleichzeitig eine Jam-Session der Folkmusic im Gange. Ein Haufen Leute sassen da im Biergarten und jeder hatte irgendeine Art von Instrument dabei: Quetschkommode, Mandoline, Geige, Flöte, … Und die spielten lustige Traditionals und jeder der wollte, setzte auf seinem Instrument mit ein. Das war echt amüsant, da hätte ich noch ewig sitzen können, aber der Bus zurück nach Hause wartete auf mich. So habe ich einen im Nachhinein doch herrlichen Tag im Dartmoor National Park verlebt und werde sicher nochmal wiederkehren. Dann aber mit Kompass… und mit Sonnencreme.

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2 Comments

  1. der Bruder

    du bist schon ein bisschen verrückt, aber ich frag mich die ganze Zeit wie irgendjemand schneller gehen kann als du und dir auch noch abhaut….

  2. anteater

    Ohne Kompass? Und da heißt es, „wir“ Deutschen seinen immer so gut ausgerüstet (vgl. Last chance to see).

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